Wort zum Freitag

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser 

 

Als Politiker neigt man ja manchmal dazu, die Wirklichkeit stark in Zahlen und Fakten darstellen und verstehen zu wollen – auch bei Corona ist das eine Art «déformation professionelle» von Politikern, aber auch von Forschern, Wissenschaftlern oder Ökonomen. In der vierteiligen SRF-Serie «Luzern im Corona-Jahr» stehen sechs Menschen aus der Region Luzern im Zentrum. Die Dokumentation zeigt, wie ihr berufliches und privates Leben aufgrund der Virus-Krise durchgeschüttelt wird. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erfahren, wie es den Protagonisten während der Pandemie ergeht, was sie erleben und welche Sorgen, aber auch Hoffnungen sie in dieser Zeit haben. 

 

Geschichten, die einem ans Herz gehen

Die Serie der Luzernerin Elvira Stadelmann und ihres Teams hat mich sehr berührt – bei einzelnen Szenen hat es mich ehrlich gesagt fast «verrissen»... Zum Beispiel, wenn man sieht, wie schwer dem Arbeitslosen sein Gang zum Arbeitsamt fällt, nachdem er 25 Jahre lang als Hausmeister gute Arbeit geleistet hatte und ihm dann wegen der Corona-Krise gekündigt wurde. Oder wie die beiden Hoteliers, die Künstlerin, der Unternehmer und der Souvenirhändler händeringend darum kämpfen, dass ihr über viele Jahre aufgebautes Lebenswerk nicht zerstört wird und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht ihren Job verlieren. Wirklich begreifbar wird eine Krise immer dann, wenn man konkret sehen und nachempfinden kann, was sie für das Leben und den Alltag der Betroffenen bedeutet – wenn Schicksale im wahrsten Sinne des Wortes «ein Gesicht bekommen». Nebst den im TV dokumentierten Menschen gibt es zig weitere hier bei uns im Kanton Luzern und überall im Land, denen es ähnlich ergangen ist – und immer noch ergeht. Grosse Pläne drohen zu scheitern, Lebensträume sind geplatzt – und das ohne «Schuld» des Einzelnen. Diese zermürbende Situation muss so schnell wie irgendwie möglich ein Ende nehmen und man tut insbesondere als Politiker gut daran, sich solche Beispiele möglichst oft vor Augen zu führen. Als Regierungsrat – aber auch privat als Familienvater, Nachbar oder Freund – tue ich das, immer wieder. Um die Realität wirklich zu (er)fassen, dafür braucht es aus meiner Sicht mehr als «nur» sachliche Argumente und faktenbasierte Erklärungen - es braucht vor allem auch Empathie.

 

Falls Sie die Sendungen nachschauen möchten: Hier geht’s ins SRF-Onlinearchiv 

 

Ausruhen und Austauschen leicht gemacht

In der Stadt Luzern sind seit Kurzem 30 rote und grüne Sitzbänkli an unterschiedlichen Orten platziert, die mit der Aufschrift «Lust zu Plaudern? Hier hat’s noch Platz» versehen sind. Wer auf einem solchen Plauder-Bänkli Platz nimmt, muss damit rechnen, angesprochen zu werden – denn genau das ist Sinn und Zweck der Aktion. Die Lancierung dieses schönen Projekts findet aufgrund der Pandemie ein Jahr später als geplant statt – kommt nun aber umso mehr wie gerufen! Denn mit der Pandemie haben sich Themen wie Isolation und Einsamkeit, die ohnehin schon sehr tabu-behaftet sind, noch weiter akzentuiert. Sympathische Angebote, wie die Stadt Luzern hier eines realisiert hat, können Abhilfe schaffen – ganz einfach, unkompliziert und auf charmante, unaufdringliche Weise. Jeder, der Platz nimmt, kann erzählen, zuhören und sich mit dem Bänklinachbar (oder der -nachbarin) austauschen. Miteinander reden ist nachweislich immer «guet för’s Gmüet», daher freut mich die Bänkli-Aktion nicht nur als Sozialdirektor, sondern auch persönlich. Diese Begegnungsorte, die Erwachsene, Jugendliche aber auch Kinder trotz Distanz zusammenbringen können, sind ein schöner Farbtupfer in der tristen Corona-Zeit. Sollten Sie mich einmal selbst auf einem solchen Plauder-Bänkli sitzen sehen, so nehmen Sie also ruhig Platz – und lassen sie uns kurz miteinander plaudern!

 

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Auffahrts-Wochenende. Bliibed Sie gsond!


Guido Graf 
Regierungsrat

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